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Zitronenhaie
UnterWasserWelt – Chefredakteur Michael Goldschmidt machte auf
den Bahamas seine eigenen Erfahrungen mit Zitronenhaien, die ein erstaunliches Verhalten zeigen, das die Unterstellung fehlender Intelligenz bei Haien in Frage zu
stellen erlaubt.
Es war vor ein paar Jahren, als ich für eine ARD – Fernsehproduktion einige Tage auf den Bahamas, genauer auf Walkers Key, verbrachte
um den Haiforscher Erich Ritter mit der Videokamera bei seiner Arbeit unter Wasser zu begleiten. Das war vor Erichs Unfall, der von Gary Adkison im April 02, wie sich
erst Monate später herausstellte, fahrlässig für die Produktion medienwirksam prickelnder Fernsehbilder provoziert worden war. Wie dem auch sei, Gary verließ Walkers
Key nach einem Zerwürfnis mit dem Eigner des Resorts, in dem er die Verantwortung für den Tauchbetrieb und die Marina hatte mit unbekanntem Ziel, 2004 erledigte ein
gewaltiger Hurrikan, der auch Florida arg in Mitleidenschaft zog, den Rest und fegte auf Walkers weg, was nicht niet- und nagelfest war. Walkers Key war für Erich
Ritter wegen des ständigen Vorkommens von Karibischen Riffhaien, Zitronenhaien, Bullenhaien und Ammenhaien ein idealer Ort für seine wissenschaftliche Arbeit als
Verhaltensforscher. Bis dato hatte sich keiner der führenden Haiwissenschaftler selbst unter Wasser begeben um die Haie, die sie zum Mittelpunkt ihrer Arbeit gemacht
hatten, dort zu beobachten, wo sie normalerweise ihr Leben fristen. Viele, durchaus streitbar vorgebrachten Untersuchungsergebnisse, Erkenntnisse und Prognosen leitete
man von toten Exemplaren ab oder von dem, was man in künstlicher Umgebung eines Aquariums als auf das Verhalten in freier Natur uneingeschränkt übertragbar erachtete.
Erich Ritter betrat mit seiner Feldforschung an Haien unter Wasser, inmitten deren Lebensraums absolutes Neuland, was von den wissenschaftlichen Platzhirschen mit
großem Argwohn beobachtet wurde und aus Angst vor dem Schwinden des öffentlichen Interesses an ihrer Meinung entsprechend hintertrieben wurde.
„Zitronenhaie
sind äußerst schlau, muss ich dir sagen. Sie nähern sich meiner Beobachtung nach immer von hinten an das Objekt ihres Interesses. Und frag mich bitte nicht, woher sie
wissen, wo bei dem, was sie interessiert hinten und vorne ist.“ So machte mich Erich mit den Eigenarten der Zitronenhaie bekannt, die saisonal auch immer zu
zweit auf die Pirsch gehen. Also war ich vorgewarnt für Dreharbeiten, die Erich und Gary bei nächtlichen Aktivitäten zum Studium des Haiverhaltens ufernah vor
Walkers zeigen sollten, Vorkehrungen zu treffen. Mein professionelles Videoequipment mit Lichtanlage, das einsatzbereit mehr als 25 Kg wog, wurde auf einem Betonblock
in etwa 1,5 Meter Wassertiefe aufgebaut und zusätzlich mit weiteren 15 Kg Blei beschwert. Das sollte stabil genug sein stationär Impressionen einzufangen, die durch
anlockende Futterbrocken, die vor das mit Superweitwinkel ausgestattete Gehäuse geworfen wurden, entstehen würden. Gary würde Erich bei seinen Unterwasseraktivitäten
begleiten und ihn dabei filmen. Da ich für mein Drehequipment viel Geld bezahlt hatte, wollte ich es auch nicht so ohne weitere Sicherung auf dem Betonblock stehen
lassen und band ein Bergseil mit einer Bruchlast von 1,5 Tonnen daran fest, dessen anderes Ende ich am Ufer stehend in der Hand hielt. Meine Kollegen von der
„Überwasserfraktion“, die das ganze Schauspiel vom Trockenen aus filmten, belächelten meine Vorsicht gönnerhaft. Erich und Gary waren im Wasser, meine Kamera
lief mit einem Bandvorrat von einer Stunde, das starke Videolicht entriss einen großen Ammenhai aus der Dunkelheit des nächtlichen Meers, der einen Köderbrocken vor
dem Objektiv aufsammelte. Ich spürte einen Zug am Seil in meinen Händen, konnte aber im Wasser nichts erkennen. Gary tauchte auf und rief mir zu, dass zwei
Zitronenhaie hinter meiner Kamera seien und einer am Seil „nagen“ würde. OK, ich hielt das Seil derart vorgewarnt fester in den Händen und kurz darauf wurde
auch der Zug stärker, ruckartiger und immer vehementer, bis ich es nicht mehr halten konnte. Das Seil wurde mir entrissen und im nächsten Moment ging die Videoanlage
unter Wasser mit großem Tempo auf Fahrt. Dank der eingeschalteten Lichtanlage, konnten wir das Spektakel eine kurze Weile mitverfolgen, bis es im dunklen Wasser
verschwand. Aufgeregt kam Gary näher: “Wir haben einen neuen Kameramann! Ein Zitronenhai nahm das Gehäuse mit Lichtanlage und Bleiballast von hinten ins Maul
und düste ab! Ich schau nach, wo das Equipment jetzt ist, vielleicht haben wir Glück und sie haben es nicht zu weit weg fallen lassen, weil es nicht fressbar ist. Die
Lichtanlage sollte uns den Weg weisen können!“ Und mit den Worten drückte er mir das abgefressene Bergseil in die Hand. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit kam
Gary mit meinem Drehequipment an Land, an dem noch ein Stück des Seils hing. Bissspuren am Gummiring des Okulars und am Flügel der Lichtanlage bestätigten auch für
Zweifler, dass diese Geschichte kein Seemannsgarn war. So schnell wie heute waren wir noch nie in Garys Basis und dort im Computerraum, der mit Rekordern,
Schnittanlage und Bildschirmen keine Wünsche offen ließ hochwertige Videos zu produzieren. „Schaun wir uns mal an, was Kollege Zitronenhai so gedreht
hat,“ meinte Erich. Ein kleine Sensation lag in der Luft. Das Band lief und zeigte den Ammenhai hautnah fressend auf dem Monitor. Dann
ein Rumpler und im Moment, in der die Kamera bewegt wird – nichts mehr. Mit einem seiner vielen Zähne war der Hai auf die Powertaste des Amphibico –
Gehäuse geraten und beendete seine Karriere als UW-Kameramann noch bevor sie begonnen hatte. „Tja, die Kerle sind schlau, die Feinheiten der Technik kennen sie aber
noch nicht.“ Erich und wir alle waren erst einmal enttäuscht. Und doch, dieses Beispiel unterstreicht die Beobachtungen, dass Zitronenhaie den für sie
sicheren Weg der Annäherung von hinten an ein Objekt ihres Interesses bevorzugen, weiß der Himmel, wer oder was ihnen das Know How dazu vermittelt.
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