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Wenn sie auftauchen, beginnt das Requiem (Totenmesse) — jedenfalls für Schwimmer, Schnorchler und Schiffbrüchige. Requiemhaie, zu denen auch Tigerhaie gehören, waren
Jahrhunderte lang der Schrecken aller Seeleute. Dass man einmal mit ihnen tauchen würde und das auch noch freiwillig, hätte sich noch vor 10 Jahren kein Mensch vorstellen können.
Herbert Frei hat zusammen mit seiner Tochter Martina den Tigern auf den Zahn gefühlt und dabei manchmal ein mulmiges Gefühl gehabt.
Die Tauchszene ist ein Hort für
Spinner, Exaltierte, Profilneurotiker, Fischdompteure, Extremsportler und Abenteurer. Eine Welt geschaffen für Menschen wie Jim Abernethy, der bereits mit 17 Jahren Kontakt zu den
schwimmenden Räubern hatte und seitdem sein Leben mehr oder weniger den Haien widmet. Darüber zerbrach seine Ehe, aber nicht sein Fanatismus. Haie, je größer und gefährlicher,
desto besser. Der 48-jährige Jim liebt das Risiko, aber auch sein Leben. Was er mit Tigerhaien, Karibischen Riffhaien, Hammerhaien und Hochseehaien anstellt, wirkt durchdacht,
kontrolliert und sehr professionell. Seine circensische Show ist einmalig auf dem Globus. Die besten UW-Fotografen der Welt geben sich bei ihm ein Stelldichein, denn er
garantiert, was sonst kaum möglich ist, tauchen und fotografieren mit und von Tigerhaien unter Beibehaltung größtmöglicher Sicherheiten...sofern man das bei diesen Raubtieren
überhaupt sagen kann.
Tigerbeach
Es war im Frühjahr 1998, als Jim Abernethy anlässlich eines aufkommenden Sturmes mit seinem Schiff „Shearwater“ auf
einer Sandbank des Gebietes „Little Bahama Bank“ Zuflucht suchte. Am nächsten Morgen sahen Jim und seine Leute große Schatten durchs türkisfarbene Wasser gleiten. Der eilig
durchgeführte Tauchgang offenbarte eine kleine Sensation. Man sah sich 5 Tigerhaien gegenüber. Der überstürzte Abstieg endete zum Glück ohne Blessuren und Jim erkannte seine
Chance, etwas Einmaliges zu schaffen. Es war die Geburtsstunde von Tigerbeach, einer Haiarena in den Gewässern der Bahamas. Beeindruckende Haibegegnungen inszeniert vom verrückten
Jim und seiner Piratencrew. Die Entwicklung des Tauchens macht weder bei der technischen noch der medizinischen Entwicklung halt, auch im Umgang mit Raubfischen und den großen
Meeressäugern sind große Fortschritte erzielt worden. Zu verdanken haben wir diese Fraternisierungsversuche Leuten wie Jim Abernethy, die sich über Klischees, Urängste und
Vorbehalte hinwegsetzen und ihr eigenes Ding machen. Gipfel der Kaltblütigkeit: Jim hielt sich an der Rückenflosse eines Tigerhais fest und ließ sich durchs Wasser ziehen.
Tigerbeach ist mehr oder weniger eine Bay. Warum man diesen Ort als Beach (Strand) bezeichnet, ist auch Jim nicht so recht klar. Das Wort wurde übrigens von Big-Game-Fischern
geprägt, die an diesem Ort Jagd auf Tiger- und Zitronenhaie machten. So kann man beim Sharkmeeting immer wieder Einzeltiere mit Haken im Maul erkennen. Zu stören scheint es die
Tiere aber nicht. Je nach Tidenhub bewegt sich die Wassertiefe zwischen 4 und 5 m. Der Grund besteht aus feinem Sand, dessen Partikel sich durch die Anwesenheit von Tauchern und
Haien in größerer Zahl als Schwebeteilchen bemerkbar machen können. Die Sicht kann unterschiedlich sein. Wir hatten Glück und schätzten sie auf 20 - 30 m. Am Nachmittag setzt
regelmäßig eine leichte Strömung ein, die zwar alle Trübstoffe vertreibt, aber ein kontrolliertes Verbleiben auf der Stelle erschwert. Die geringe Tiefe ist ideal, weil man
keine Dekozeiten befürchten muss und man ist auch schnell an der Plattform, wenn es mal brennzlig werden sollte oder man die Zweitkamera benötigt. Denn auf freie Aufstiege
reagieren die Tigerhaie sofort und folgen einem bis zur Plattform. Manchmal mit offenem Maul. Das fördert die Adrenalinzufuhr.
Vorbereitung
Bevor mit
Tigerhaien getaucht werden kann, muss man die Bekanntschaft mit karibischen Riffhaien machen. Jim besteht darauf, weil man seine Hemmungen gegenüber diesen Tieren zuerst ablegen
muss. Außerdem fördern einige Tauchgänge mit hektisch schwimmenden Riffhaien das Selbstbewusstsein und verdrängen mögliche Ängste. Im Übrigen kann man sich an diesen Stellen
weitgehend stressfrei eintauchen, die Ausrüstung checken und sein Kameraequipment überprüfen. Jim kennt einige Plätze auf den Bahamas, wo Riffhaibegegnungen garantiert sind.
Aber ohne Anfüttern geht es nicht, wenn man will, dass die Haie dauerhaft 1-2 Tage bleiben. Es werden jedoch keine Fischköpfe oder Blut ins Wasser geschüttet. Die Köder befinden
sich in löchrigen Kunststoffkisten, die sowohl am Boot als auch im Riff platziert werden. Die Haie haben immer den Fischgeruch in der Nase, kommen aber nicht ans Futter und
schwimmen deshalb sehr erregt durchs Wasser. Die Futterkisten lassen sich im Riff an attraktiven Stellen verankern, so dass neben den üblichen Freiwasserbildern von Riffhaien auch
solche mit Korallen, Muränen, Tauchern oder stationären Zackenbarschen möglich sind. Jim hält die karibischen
Riffhaie im Gegensatz zu vielen Tauchern für sehr gefährlich, weil sie wie Wölfe im Rudel jagen und sich in einen Fressrausch hineinsteigern können. Sie sind dann unberechenbar,
sehr erregt und schwimmen extrem schnell durcheinander. Wir hatten es selbst erlebt, als einem UW-Fotograf, der sich am Futterkorb etwas weit vorwagte, in die Pressluftflasche
gebissen wurde. Einen Vorgeschmack, was einen bei den Tigerhaien erwarten wird, bekommt man, wenn sich am Futterplatz der karibischen Riffhaie auch Hammerhaie und einzelne
Tigerhaie einfinden. Meistens bleiben sie wegen der vielen Luftblasen in moderater Distanz, aber die schiere Größe der Raubtiere lässt einen doch schwerer atmen. Dagegen wirken
die nur 2 bis 2,5 m langen Riffhaie, obwohl zum Teil auch schon recht massig, wie Hungerflüchtlinge aus einem Katastrophengebiet.
Hasardeurspiel
Mit
Tigerhaien tauchen ist fraglos etwas Besonderes. Die großen Räuber gelten zu Recht als Risikofaktoren, weil man ihre Reaktionen nie bis ins letzte Detail vorhersehen kann. Ein
Hasardeursspiel mit ungewissem Ausgang. Oder auch nicht. Denn wenn man das Geschäft mit den Tigern des Meeres beherrscht, sieht alles einfach und kalkulierbar aus. Aber ist es das
wirklich? Ein etwas mulmiges Gefühl kommt auf, wenn man sich zum ersten Mal in das grünblaue Wasser gleiten lässt. In 5 m Tiefe bildet die 6-köpfige Tauchergruppe ein Dreieck,
an dessen Spitze Jim oder einer seiner Diveguides sitzt und die Kisten mit den Fischabfällen entweder in den Händen hält oder hinter ihnen kniet. Das Taucherdreieck wird immer so
angelegt, dass die leichte Strömung von dessen Spitze in Richtung offene Grundlinie strebt. Tigerhaie folgen dann der Duftspur bis in das Dreieck hinein. Wie Wölfe orientieren sie
sich am Fischgeruch, die feinfühlige Nase dicht über dem Sand. Vermutlich kann man Tigerhaie nur über das Anlocken mittels Köder vernünftig und weitgehend gefahrlos fotografieren.
Wenn ein attraktiver Köder fehlt, ist man eventuell selber einer, und dann könnte es ungemütlich werden. Einen echten Angriff dürfte man schwerlich überleben. Jim hat
seine Augen überall, aber man muss sich auch selbst vorsehen. Kontrollierbar ist die Situation bis zur Anzahl von etwa 3 bis 5 Tigerhaien, bei mehr wird es kritisch, denn die
Räuber nähern sich auch von hinten, wollen den oder die Taucher auf Fressbarkeit untersuchen. Wenn die weiße Nickhaut der Augen nach oben schwenkt, ist höchste Vorsicht geboten.
Dann steht zumindest ein Beißversuch kurz bevor. Die Beißversuche, obwohl sie nicht als ernsthafte Angriffe bewertet werden dürfen, sind trotzdem höllisch gefährlich. Die
riesigen, dreieckigen Zähne der Tigerhaie reißen auch bei einem Probebiss hässliche und eventuell auch tödliche Wunden, weil man erstens nicht einschätzen kann, wie sich die in
Gruppen schwimmenden Zitronenhaie bei Blut im Wasser verhalten werden und zweitens befindet man sich von der nächsten Krankenstation einige Stunden Schiffsfahrt entfernt. Auch
wenn man den Tigerhaibiss im Wasser überlebt, stehen die Chancen letztendlich davonzukommen trotzdem schlecht. Realistisch denkende Menschen werden schwerlich das Gefühl los,
dass es irgendwann zum Supergau kommen wird und muss. Dafür spricht die Wahrscheinlichkeit, dass einer mal leichtsinnig wird, eine Situation falsch einschätzt oder einen Tigerhai
übersieht, der sich von hinten anschleicht und die Flossen samt daran hängender Beine auf Fressbarkeit untersucht. Daran wird auch die von Jim Abernethy geführte Statistik wenig
ändern, nach der es seit Beginn der Tigerhai-Show noch nie zu einem ernsthaften Zwischenfall gekommen ist. Immer waren es Beinahe-Unfälle, die mit viel Glück gut gingen. Auch in
unserer Gruppe waren drei kribbelige Situationen, über die man besser nicht länger nachdenken sollte. Trotz alledem, der Mensch ist unverbesserlich. Fast geschlossen würde die
Tauchgruppe wieder zu Jim fahren, weil er den circensischen Ablauf gut im Griff hat und man letztendlich von den großen Raubtieren über den klaren Verstand hinaus fasziniert ist.
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