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Das Mittelmeer gilt als die Wiege des Tauchsports und über Jahrzehnte hatte die Insel Elba hier eine Schlüsselstellung. Kein anderes Tauchgebiet besuchten wir seit 1984 so oft
und intensiv. Die aktuelle Bestandsaufnahme wurde deshalb eine Dokumentation von Veränderungen in vielen Bereichen. Der Blick zurück weckt angenehme Erinnerungen, die Gegenwart
bietet Raum für Kritik. Um zukünftig noch attraktiv und bezahlbar für den Familienurlaub von Tauchsportlern zu bleiben, wird man sich aktuell einiges einfallen lassen müssen.
Denken wir darüber nach, was uns damals zum ersten Mal nach Elba führte, waren dies drei gute Gründe: Die italienische Lebensart, der Mythos der Insel und die Absicht in
einer deutschsprachigen Tauchschule einen lang gehegten Wunsch zu verwirklichen. So taten wir es vielen vor und nach uns gleich, setzten uns ins Auto, dessen Sprit in Deutschland
weniger als die Hälfte des jetzigen Preises kostete und in Italien zur Ankurbelung des Tourismus mit Gutscheinen deutlich subventioniert wurde. Die Fahrt über Österreichs
Autobahnen war kostenlos, Brenner und Fähre schröpften den Urlaubsetat noch nicht so deutlich, Tauchausfahrten waren auch für Familienväter im erschwinglichen Bereich
kalkulierbar. Betriebswirtschaftlich war also alles im Lot. Würde man heute die Kosten / Nutzenrechnung machen, so erfordert dies schon eine gehörige Komponente persönlicher
Verbundenheit zu diesem Eiland im Toskanischen Archipel in die Waagschale zu werfen, um nicht gleich zwei Wochen „All Inklusive“ am Roten Meer oder der Dom. Rep. zu buchen.
Zurück zu den Wurzeln könnte man die Liebe zu Elba umschreiben, eine Liebe, die mittlerweile tief in die Tasche greift und den Stamm der dort urlaubenden Wiederholungstäter immer
weiter aushöhlt.
Warum waren wir Wiederholungstäter, die 19 Mal der Insel einen Besuch abstatteten? Wegen der Landschaft, der Tauchgebiete, den Freunden, dem Wetter? Alle
genannten Gründe zählen dazu. Doch haben wir nur in der Vor- oder Nachsaison den Aufenthalt rundum genossen, wer das Pech hat in den Schulferien reisen zu müssen, der hat seinen
Tag gut durchzuplanen, denn Parkplätze sind vielerorts rar wie Trüffel in einem Mondkrater, die bezahlbaren und doch guten Restaurants empfangen nur Gäste mit reservierten Tischen
und so mancher kleine Strand wird neuerdings durch organisierte Liegestuhlvermieter noch kleiner und der Platz an der Sonne kostet dann in vorderster Reihe 20 Euro pro Liege und
Tag. Und wer sich wundert, dass mittlerweile die Kosten für Tauchausfahrten sich dem karibischen Niveau annähern, ohne aber das entsprechende augenschmeichelnde Erlebnis unter
Wasser geboten zu bekommen, darf sich bei immer teureren Auflagen der zuständigen Behörden und dem jahrzehntelangen Raubbau am Meer bedanken. Die deutschsprachigen Basenbetreiber
können hier nur mit der geballten Faust in der Hosentasche zuschauen, gegen teils schikanöse Auflagen vermögen sie sich nicht wirkungsvoll zu wehren. EU hin und EU her, es warten
schon genügend einheimische Interessenten darauf eine eingeführte Basis zu übernehmen, deren großzügige Auslegung der Auflagen dann kaum einer amtlichen Kontrolle zu unterliegen
scheint.
Unter Wasser
Verwöhnte Augen, die nach üppig bunten Farben und wabernden Fischschwärmen suchen, werden im Mittelmeer eher selten fündig. Jahrzehnte
lange Überfischung, teilweiser Raubbau mit Dynamit, der Abschuss der letzten Zackenbarsche von Harpunenjägern und die ungeklärte Einleitung der Abwässer in vom Tourismus
hoffnungslos überlaufenen küstennahen Regionen haben ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen. Stellenweise sind die Gorgonien stark dezimiert oder ganz verschwunden, teilweise von
braunen Schleimalgen überzogen. Wo einst üppige Fächer roter Lederkorallen ihre Arme von Steilwänden ins Wasser reckten, markieren deren kümmerliche Reste die ehemalige
Pracht. Wenn das noch nicht reicht, auch mit der Killeralge Caulerpa Taxifolia kann gedient werden, deren Präsenz allerdings heruntergespielt wird, weil nicht sein darf, was ist.
Was Hans Hass in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch an Lebensfülle unter Wasser vorfand, ist Geschichte, unwiederbringlich. Heute freut man sich an Kleinigkeiten,
braucht ein wirklich geschultes Auge in der hier und da vorgefundenen Leere etwas zu entdecken, was vom Gefühl ablenkt in einem leeren Seewasseraquarium die Fenster zu putzen.
So strenge Worte ohne die übliche Verklärung, eine starke Sache, die sicherlich nicht ohne geharnischten Aufschrei vermeintlich Betroffener verklingen wird. Wir können uns das
erlauben, kennen wir das Zielgebiet seit 1984, 19 Aufenthalten und mehreren 100 Tauchgängen. Es wäre einfach nur eine aktuelle Bestandsaufnahme zu machen, gesponsert durch einen
Reiseveranstalter einen goldenen Mittelweg suchend. Wir erlebten die Veränderungen selbst und sind davon sichtlich betroffen. Und hätte sich nicht in gleichem Verhältnis, in dem
die Preise vor Ort jährlich nach oben gingen die Welt unter Wasser ausgedünnt, wäre die Kritik auch nicht so unübersehbar ausgefallen. Diese Kritik richtet sich an die
Verantwortlichen im Land und der Region, die zuließen, dass eine einst intakte Fauna und Flora ums Überleben kämpft oder ganz den Rückzug angetreten hat. Deren Gewissen wird nur
durch imaginäre Unterwasserparks und Schutzzonen befriedigt, zu denen Tauchsportler bei den Inseln Monte Christo, Gorgona, Pianosa oder Capraia keinen Zugang haben. Mit
ein wenig guten Willen und Weitsicht hätte man auch an den Küsten Elbas eine echte Schutzzone einrichten können, die die im Mittelmeer mögliche typische Schönheit bewahrt und
in gut organisierten Tauchausfahrten zugänglich ist. Doch von diesem Idealzustand sind wir weit entfernt. Eine unvorhersehbare Last für die Tauchgebiete brachten auch die
jahrelangen Kriege im ehemaligen Jugoslawien. In diesen Jahren kam eine Vielzahl von zusätzlichen Tauchern hierher, die zum Teil auf umgebauten Frachtschiffen anreisten und bald
in Mengen von 100 und mehr an der gleichen Stelle ins Wasser fielen. Hurghada lässt grüßen. Natürlich kann man nicht jeden Sporttaucher einer mangelhaften Ausbildung
bezichtigen, aber es gibt doch deutliche Unterschiede. Auch beim letzten Aufenthalt blieben uns einschlägige Negativbeispiele in größerer Menge nicht verborgen. Zwei Höhepunkte
aus der Negativliste: In 15 Metern Tiefe fällt mir ein Taucher, der sich von der Oberfläche völlig überbleit herablässt, direkt auf den Kopf - bei einem atemberaubenden
Ankermanöver reißt ein anderes Tauchboot unseren Anker los, manövriert wirr hin und her und gefährdet dabei auch noch eine Gruppe von Tauchschülern, die sich teils bereits an der
Oberfläche oder nur knapp darunter befindet. Von Betroffenheit ist bei diesem Skipper keine Spur festzustellen, man kennt vor Ort seine abenteuerlichen Manöver und akzeptiert eher
dieses kollegiale Risiko, als ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Übel spielt man den verantwortungsvollen Basenleitern mit, die jährlich mit neuen überraschenden Auflagen der
Behörden konfrontiert werden. Zu Beginn einer neuen Saison herrscht stets die große Ungewissheit, was man sich im Winter wohl Neues hat einfallen lassen, natürlich nur zur
„Optimierung der Sicherheit“. Da dürfen nur noch maximal 5 Personen an Bord des Tauchboots befördert werden, das ohne Probleme noch bis zur vorhergehenden Saison mit 8
Tauchern besetzt werden konnte und zugelassene Kapazitäten von 10 Personen hat. Jetzt muss die Basis mit 2 oder 3 Booten auslaufen, benötigt mehr Personal, Ausrüstung und Sprit.
Wer hier aus betriebswirtschaftlicher Überlegung nicht zusperrte und lieber Würstchen am Hauptbahnhof verkauft, der muss für seine Ausfahrten deutlich höher kalkulieren Da gibt es
aber Akzeptanzgrenzen, die mittlerweile erreicht sind und nicht dazu beitragen alte Stammgäste verlässlich zu halten oder neue zu rekrutieren. Sieht man dann einen heillos
überladenen Kutter einer italienisches Basis, mit einer Handbreit freier Bordwand und gut 40 Tauchern völlig überladen zum Tauchplatz dümpeln, dann versteht man den schweigenden
Zorn der Basenleiter, die nicht die italienische Nationalität haben. Trotz EU ist deren Lobby völlig unbedeutend. Man könne ja verkaufen, das legt man dann von Seiten der Behörden
bei entsprechenden Beschwerden mehr oder weniger deutlich nahe.
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