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Dann aber ist es endlich soweit! Die erste Ausfahrt mit dem Boot, der erste, ersehnte, Tauchgang im Roten Meer steht bevor. Der Weg von der Basis zum Jetty ist kurz und Alfred
lässt es sich nicht nehmen, selbst dort hin zu rollen. Seine Tauchausrüstung ist bereits auf dem Pickup und wird an Bord der „„Verdi““ gebracht. Das Tauchboot ist für
12 – 14 Taucher ausgerüstet. Auch beim einschiffen wird Alfred ganz einfach ins Boot gehoben und dort wieder in seinen Rollstuhl gesetzt. Noch ist der Eingang zum
unteren Deck der „Verdi“ zu schmal für Rollstühle, aber, so versichert der Skipper, beim nächsten Aufenthalt im Trockendock, der schon terminiert ist, wird das Schiff
entsprechend umgebaut und der Durchlass verbreitert. Nicht nur die Chefetage des Camel macht sich in dieser Richtung Gedanken, auch bei vielen anderen Tauchbasen werden die
Boote auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern angepasst. Mag sein, dass angesichts rückläufiger Buchungszahlen die Basen entdecken, welches Potential an zahlenden Gäste da bisher
brach lag. Was auch immer die Motivation für die zunehmenden Angebote für behinderte Taucher sein mag, den Betroffenen kann es nur recht sein! Und wenn dabei die finanzielle Lage
der Tauchschulen verbessert wird, ist dies ein zusätzlicher Vorteil für alle potentiellen Gäste. Ausreichende Finanzierung der Tauchbasen hat zweifellos positiven Einfluss auf die
Qualität des Angebots.
Die „Verdi“ ist am vorgesehenen Platz für Alfreds ersten „echten“ Tauchgang, „Ras umm Sid“, angekommen! Nun gilt es, auf
schwankenden Bootsplanken, im Rollstuhl sitzend, in den Neoporenanzug zu kommen. Kein ganz leichtes Unterfangen wenn man nur die Hände verfügbar hat und nicht stehen kann! Aber
Alfred ist nach 16 Jahren Leben mit der Behinderung recht geschickt. Erstaunlich schnell hat er den Anzug über die Beine bis zum Gesäß gezogen. Hier erst braucht er Hilfe. Während
er sich mit den Armen von den Lehnen des Rolli hoch stemmt, ziehen Silke und Dieter den Anzug unter Alfred durch und hoch bis zu den Schultern. Ab hier kommt er dann wieder allein
zurecht. Letztlich sind die Taucher ohne Handicap auch nicht wesentlich früher fertig als Alfred. Im Neopren sitzt unser angehender „Taucher mit Handicap“ dann auf der
Taucherplattform und Silke legt ihm den Bleigurt an und hilft ihm, das Gerät zu schultern. Und dann endlich kann es losgehen! Alfred rollt sich von der Plattform, Atemregler im
Mund und Maske aufgesetzt und wird von Silke, die sich bereits im Wasser befindet, in Empfang genommen. Und nun schwimmt er mit strahlenden Augen durch die Rifflandschaft. Silke
immer an seiner Seite. Gelegentlich lässt er sich von Silke ziehen um den Armen etwas Erholung zu gönnen. Alfred ist glücklich, das ist nicht zu übersehen! Die nächsten
Tage kann nichts und niemand Alfred von täglich zwei Tauchgängen zurückhalten. Er genießt ein viele, viele Jahre nicht mehr empfundenes Gefühl von Beweglichkeit und Freiheit. Das
Wasser, das die Schwerkraft praktisch aufhebt, erlaubt ihm dadurch die uneingeschränkte Fortbewegung im dreidimensionalen Raum. Nach einigen Tauchgängen wird dann der
nächste Schritt in Angriff genommen. Statt „Brustschwimmen“ oder sich vom Tauchpartner schleppen zu lassen dient nun ein Scooter als Antrieb. Schon nach wenigen Versuchen
ist klar, dass dies die ideale Lösung ist. Durch den Scooter wird Alfred unter Wasser völlig unabhängig! Lediglich bei der Rückkehr auf das Boot wird die Hilfe der Crew wieder
benötigt. Alfred taucht direkt am Boot auf, gibt den Scooter und sein Tauchgerät ab und zwei der Crewmitglieder greifen unter seine Arme. Ein kurzer Ruck und schon sitzt er wieder
auf der Plattform. Nass und voller Eindrücke einer viel zu kurzen Stunde völliger Autonomie. Wohl keiner der Taucher von der ’“Verdi“’ bedauert die
zeitliche Beschränkung des Tauchganges durch den zur Neige gehenden Luftvorrat mehr als unser Alfred.
Behindertauchen ist zweifellos im Aufwind. Es gibt hinsichtlich des
Grades der Behinderung nicht sehr viele Einschränkungen. Tauchlehrer vor Ort berichten, dass sie auch mit Blinden Tauchgänge unternehmen und diese von den Gästen als
befriedigendes und beglückendes Erlebnis empfunden werden. Selbst vollständig Gelähmte, vom Hals abwärts, können unter Begleitung eines ausgebildeten Tauchlehrers oder HSA-Buddies
an Tauchgängen teilnehmen und neue oder lange entbehrte Beweglichkeit erfahren. Um so erstaunlicher ist, dass Behindertentauchlehren wie auch deren Organisationen berichten,
dass viele Widerstände gegen das Tauchen für Menschen mit Handicap insbesondere von den Ärzten und den Behindertenorganisationen kommen. Dies ist nur schwer zu verstehen. So ist
zum Beispiel seit geraumer Zeit bekannt, dass ein erhöhter Sauerstoff-Partialdruck sich anregend auf die Regeneration von Nervenenden auswirkt. Was in der Konsequenz –
möglicherweise – zur Wiedererlangung eigener Beweglichkeit bei Menschen mit teilweiser Durchtrennung des Rückenmarks führen kann. Seit einiger Zeit bereits führen
Universitäten diesbezügliche Versuche durch. Nun kann ein erhöhter Partialdruck des Sauerstoffs natürlich in der Druckkammer erreicht werden. Dies ist auch der noch immer, übliche
Weg. Aber, warum nicht den positiven Effekt des erhöhten Partialdruckes mit weitern positiven Effekten verbinden? Ein Tauchgang im See oder Meer hat ganz sicher auf den
Behinderten viele angenehme Effekte. Das Erfolgserlebnis an sich, die uneingeschränkte Beweglichkeit in drei Dimensionen, die Eindrücke der Unterwasserwelt um nur einige wenige zu
nennen. Derzeit bereitet Dr. med. univ. Heinz Hasch, Institut für Scuba Neuro-Rehabilitation, 1230 Wien, ein entsprechendes Projekt für Querschnittsgelähmte und MS-Patienten in
Rovinj, vor. In Zusammenarbeit mit der Klinik Hochzirl und der Universitätsklinik Klinik Innsbruck werden zwei kontrollierte Studien durchgeführt. Interessenten wenden sich am
Besten direkt an Dr. Hasch (eMail: heinz_hasch@biotest.at).
Erste Adresse für am Sporttauchen Interessierte mit Behinderung ist zweifellos die HSA, Handicapped Scuba
Association mit lokalen Organisationen in vielen Ländern. Die HSA hat Standards sowohl für die Ausbildung der Behinderten als auch für HSA Dive Buddys und HSA Tauchlehrer
geschaffen, die durch ihre Standardisierung und ihren Zuschnitt auf die besonderen Belange körperlich Behinderter einen gleichbleibend hohen Standard in den Programmen
gewährleisten. Tauchlehrer nach HSA-Standard müssen einiges über sich ergehen lassen. Grundsätzliche Voraussetzung ist die abgeschlossene Tauchlehrerlizenz einer anerkannten
Organisation. Erst dann kann die spezielle Ausbildung zum TL für Körperbehinderte in Angriff genommen werden. Um den angehenden Ausbildern ein Gefühl für ihre zukünftigen
Probanden zu vermitteln werden ihnen z.B. die Beine mit Klebeband zusammen gebunden um das Schwimmen nur mit den Armen zu demonstrieren, oder auch die Maske verklebt um Eindrücke,
wie sie ein Blinder erlebt zu vermitteln. Ausführliche Informationen über HSA finden sich in deren Website www.has-europe.org. Dort findet sich auch eine lange Adressliste von
Tauchschulen und –lehrern. Die HAS vertritt ca. 1800 speziell geschulte Tauchlehrer in 45 Ländern der Welt.
Das Beispiel Alfred zeigt, dass der positive Effekt des
Sporttauchens für Körperbehinderte kaum zu überschätzen ist. Von möglichen medizinischen Implikationen, positiver Art, völlig abgesehen, ist das Gefühl sich annähernd
uneingeschränkt bewegen zu können, ein extrem starkes Erfolgserlebnis. Nicht nur der Behinderte selbst erlebt diesen Erfolg, auch für die Ausbilder ist es ein unglaublich
positiver und befriedigender Eindruck, diese Befriedigung beim Schüler zu erleben. Nach den wenigen Tagen mit Alfred im Roten Meer kann der Autor jedem Körperbehinderten mit
Interesse an sportlichen Aktivitäten nur wärmstens empfehlen, sich mit einer Tauchschule entsprechender Ausrichtung ins Vernehmen zu setzen!
>>> Weiter: Studie von Dr. Hasch - Projekt Sveta Marina
>>> Die Reisestory CAMEL DIVING
>>> Websiten: www.iahd.org/de/index.htm www.diversionoz.com/de/handicapped.htm /www.hsa-germany.com/
>>> Website Reiseveranstalter: ORCA TAUCHREISEN
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