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Nur wenige Plätze auf der Welt können sich mit dem Schildkrötenreichtum und Schwarmfischangebot der Insel Sipadan messen. Das Meer um die
vor Borneo gelegene Schildkröteninsel beherbergt nach Meinung von Meeresbiologen mehr als 4000 Arten von Meerestieren. Von hier aus, so die Experten, könnten sogar die
Weltmeere besiedelt worden sein. Herbert Frei hat einen einzigartigen Tauchplatz besucht, aber auch die Probleme vor Ort gesehen, die Tourismus und Terrorismus im
allgemeinen mit sich bringen.
Vielleicht erinnern Sie sich noch. Im April des Jahres 2000 wurde Sipadan zum Schauplatz von Aktionen der Rebellen der Abu
Sayaf-Gruppe, die in einer Nacht- und Nebelaktion Tauchtouristen auf die philippinische Insel Jolo entführten...darunter auch die deutsche Familie Wallert – und
sie dort monatelang gefangen hielten. Gegen ein in der Höhe unbekanntes Lösegeld wurden die Gekidnappten wieder freigelassen. Seitdem ist zumindest an Land nichts
mehr, wie es einmal war. Strandspaziergänge unter Aufsicht des Militärs gehören zur Inselromantik wie Sonnenauf-und Sonnenuntergang. Wer in diese Gegend reist, muss
das in Kauf nehmen — oder zuhause bleiben. Der weltweite Terrorismus, dem man auch in Europa nicht entgehen kann, ist eine Krake, deren Arme weit reichen und
denen man selbst an den einsamsten Stellen in den Weltmeeren begegnen kann. Deshalb gilt: Je mehr Militär der Staat Malaysia in der Celebes-See stationiert hat, desto
unbehelligter taucht man dort. Es besteht also wenig Grund zur Sorge, denn Sipadan ist heute sicherer als je zuvor.
Schildkröten im Dutzend
Weshalb die gepanzerten Weltenbummler die Insel Sipadan so sehr lieben, ist nicht geklärt. Vielleicht liegt es am Sand, in den die Kolosse tiefe Löcher buddeln, um
dann die Eier hineingleiten zu lassen. Dabei geht es wüst zur Sache. Kleine Bäumchen und Buschgras werden weggefetzt und niedergewalzt. Wenn sich eine massige
Meeresschildkröte in den Kopf gesetzt hat, hier und sonst nirgendwo zu buddeln, dann lässt sie sich durch nichts aufhalten. Stur wie ein Panzer gräbt sie ihr Loch.
Unbeeindruckt von Fotografen oder Filmern. Das alles geschieht nachts. Im Beisein eines Öko - Rangers kann man das Spektakel beobachten und auch dezent fotografieren.
Blitzlicht stört die Tiere nicht, man sollte es aber nicht übertreiben und ihnen auch nicht mit der Kamera allzu nah auf die Pelle rücken. Nächtliche Spaziergänge um
die Insel sind deshalb nicht gern gesehen, im Alleingang sogar verboten. Zum Wohl der Meeresschildkröten, die diesen Schutz bitter nötig haben. Die abgelegten Eier
werden von den Öko - Rangern wieder ausgebuddelt und in ein eingezäuntes Areal gebracht, dort wieder eingegraben und das künstliche Nest mit einer Nummer samt Datum
versehen. Wenn die Zeit des Ausschlüpfens naht, gräbt ein Mitarbeiter die kleinen Schildkröten aus, legt sie in einen Eimer und entlässt sie in der Abenddämmerung am
Strand in die Freiheit. Auf diese Weise wird vermieden, dass Warane und Seevögel bereits in den ersten Lebensstunden der kleinen Turtels deren Population dezimieren.
Trotz dieser Vorsorge muss man davon ausgehen, dass kaum mehr als ein Promille der Tiere geschlechtsreif wird und selbst Nachkommen produziert. Ob man auf diese Weise
der Ausrottung von Meeresschidkröten einen Riegel vorschieben kann, muss bezweifelt werden, solange Treibnetze die Meere im Würgegriff haben und in halb Asien Turtle -
Eier, Fleisch und Panzer im Handel zu kaufen sind. Schildkröten-Schutzprogramme wie in Sipadan praktiziert sind nötig, sie reichen aber nicht aus. Ebenso sind Spenden,
Proteste und gut gemeinte Unterschriftenaktionen nicht falsch, aber weitgehend nutzlos, so lange die asiatischen Regierungen beim Schildkröten - Raubbau mehr oder
weniger wegschauen und den Schutz eher halbherzig bis gar nicht betreiben. Weltweit muss politisch durchgegriffen werden, sonst verpuffen alle Rettungsmaßnahmen. Und
man muss den Einheimischen klar machen, dass lebende Schildkröten zahlungswillige Tauchtouristen anlocken, die mit ihrem Geld den Lebensstandard der Bevölkerung
verbessern. (Siehe auch: www.turtlefoundation.de )
Endlose Tiefen
Sipadan ist eine leicht ovale Insel mit ausgeprägten Korallenriffen, die sich weit um das Eiland ausdehnen. In der Vergangenheit
gab es zwischen Malaysia und Indonesien immer mal wieder Streit, zu welchem Staat Sipadan denn letztendlich gehört. Ursache dieses Streits war die Vermutung, dass es
in diesem Gebiet Erdöl geben könnte. Das scheint sich - Gott sei Dank - nicht bewahrheitet zu haben. Insofern scheint dieser Disput beigelegt, denn der Internationale
Seegerichtshof hat in dem langwierigen und verworrenen Verfahren entschieden, dass die Insel zu Malaysia gehört. Endgültig, wie man uns sagte. Die Faszination
Sipadans sind nicht nur die Schildkröten, obwohl man diesen archaischen Lebewesen als Fotograf nicht oft genug begegnen kann. Beeindruckend sind die fast senkrechten
Steilabfälle, die auf eine Tiefe von über 600 m hinabfallen. An einigen Stellen sollen es sogar 1000 m sein. Über einem solchen Tiefgrund leben selbstverständlich auch
viele Schwarm- und Großfische. Hammerhaie, Pferdemakrelen, Mantas und sogar Wale. Es gibt Experten, die Sipadan unter die 5 besten Tauchgebiete der Erde einreihen. Bei
solchen Bewertungen spielen aber sehr viele subjektive Gründe eine Rolle. Als wir während eines Tauchganges neben Haien, Barrakudas und Thunfischen auch eine
Krakenhochzeit beobachten konnten, war unser amerikanischer Tauchpartner Peter sogar der Meinung, dass solches nur auf Sipadan zu sehen sei und er diesen Tauchplatz
deshalb als den besten der Welt ansehen muss. Soweit wollen wir nicht gehen, aber auch einem neutralen Beobachter, der schon viel auf der Welt gesehen hat, drängt sich
ein Vergleich auf. Unter die zehn besten Tauchspots - so unser Eindruck - kann man Sipadan immer noch einreihen. Wobei man auch Abstriche machen muss. Fischmäßig ja,
korallenmäßig nein. Stürme, El Nino und sicherlich auch viele Tausend Taucher haben den Korallengürtel rings um Sipadan stellenweise von 0 bis 10 m in eine
Korallenschutthalde mit Myriaden von Fischen verwandelt. Andererseits findet man im Flachbereich (0-5 m) an wenig betauchten Stellen aber auch noch unberührte
Korallengärten mit Tischkorallen riesigen Ausmaßes. Tiefer unten (40 m), wo die Strömung gelegentlich zieht und zerrt, stehen mächtige Gorgonien, Schwarzkorallenbüsche
und Schwämme in der blaugrauen Dämmerung. Über die Sichtweiten mag man sich streiten. Die einen halten sie für gut, die anderen eher für mittelmäßig. Tatsache ist:
Sie sind auf Sipadan in den letzten 15 Jahren kontinuierlich schlechter geworden. An was es letztendlich liegt, vermag keiner zu sagen. Manchmal liegen sie bei 20 oder
25 m, ab und zu aber auch bei weniger als 10 m. Die klimatischen Bedingungen haben sich weltweit ebenso verändert wie die Meeresströmungen. Naturschützer führen
die etwas mäßige und teilweise milchige Sicht auf den hohen Urlauberanteil und die Bediensteten auf der Insel zurück. Etwa 200 Menschen leben ständig auf Sipadan. Eine
Kläranlage gibt es nicht. Die Fäkalien rinnen deshalb ungebremst durch den löchrigen Korallensockel ins Meer. Ein Riesenproblem, das kaum in den Griff zu bekommen ist.
Fünf Touristen - Resorts von einstmals 7 oder 8 gibt es noch auf der Insel. Eventuell immer noch zu viele. Deshalb geht das Gerücht um, die Regierung von Malaysia
wolle Sipadan eventuell ab 2005 oder 2006 für einige Jahre schließen und nur noch Tauchexkursionen von der Nachbarinsel Mabul aus zulassen. Was daran war ist und was
nicht, konnte uns niemand sagen. Für Sipadan - Interessenten könnte es aber zukünftig eng werden. Also nix wie hin...
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