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Abgetrieben!

by Michael Goldschmidt 9.04

Liest man diese Überschrift in einer Kirchengazette, dann gibt es immer ein großes Klientel an Menschen, die ihre ganz spezielle Meinung dazu äußern. Natürlich gibt es Mittel, die das Abtreiben und die daraus entstehenden Folgen verhindern können, nur wirken sie nicht in jedem Fall zuverlässig und es gibt eine Institution mit Sitz in Rom, die den Einsatz dieser Mittel durchweg ablehnt.
Nein, liebe Leserinnen und Leser, Sie haben sich nicht im Magazin geirrt, das wird nicht das Wort zum Sonntag, eher eine Predigt, mit vielen deutlichen Worten.

Die Tauchbranche verhält sich erstaunlicherweise in einem aufgeklärten Zeitalter kaum anders als der Klerus, denn wie sonst könnte schlüssig erklärt werden, wieso die mittlerweile zur Verfügung stehenden technischen Mittel, die dem Risiko des Abtreibens von Tauchergruppen in Strömungen auf offenem Meer die Spitze nehmen können, mit derartiger Ignoranz begegnet wird, wie in diesen Tagen. 
Immer noch setzt man wundergläubig auf Signalbojen oder Pressluftpfeifen, vereinzelt auch noch auf Leuchtraketen, aber all das sind nur begrenzt wirkende Hilfsmittel, die Taucher in

relativer Nähe zum Boot erkennen lassen. Längst nicht alle Taucher tragen solche elementaren Signalmittel und die, die sie am Jacket haben, fühlen sich oft viel zu sicher und gehen so den einen oder anderen Flossenschlag weiter, als es angesichts der Strömungsverhältnisse vertretbar wäre.
Glauben Sie mir, ich schreibe diese Zeilen aus der Erfahrung einer sehr unangenehmen Situation, bei der wir Taucher noch nicht einmal einen Fehler gemacht hatten. Nach UW – Dreharbeiten an einem beliebten Tauchplatz der Malediven kehrten wir an die Oberfläche zurück, ein Team aus 8 Tauchern, doch das üblicherweise in der Nähe befindliche Dhoni war nicht da. Erst weit am Horizont konnten wir im Gegenlicht der Nachmittagssonne etwas ausmachen, das unser Schiff hätte sein müssen. Natürlich bläst man zunächst cool die Signalzigarren auf und hält diese wie die Kommunionkerzen senkrecht in die Höhe. Andere ließen die Pressluftpfeifen röhren, bis man nicht mehr unterscheiden konnte, ob das, was man hörte noch das Hammerheadsignal war oder ein Tinitus im gepeinigten Ohr. Wie im Kasperltheater kamen wir uns vor, denn all die guten Rettungssignale nutzten nichts, wir wurden lediglich aufs Riffdach getrieben, von dem aus man uns nicht aus dem Wasser hätte fischen können, wäre denn ein Boot zur Stelle. Nach einer halben Stunde gaben wir entnervt auf, die Bequemlichkeit im Equipment an der Oberfläche treibend, mit den großen Kameras und Scheinwerfern behängt wie mit Treibankern und gegen die Strömung tretend, nahm von Minute zu Minute ab.
Was war geschehen dort an Bord? Hätte man einen Motorschaden, wäre zumindest eine Reaktion auf unsere Signale zu erwarten gewesen. Aber nichts rührte sich dort, soweit das überhaupt mit dem bloßen Auge zu erkennen war.
Neben anderen Dingen war nun auch guter Rat teuer, die Sonne neigte sich schon bedenklich in Richtung des äquatorialen Horizonts und die Aussicht hier in der Dunkelheit immer noch zu treiben war wenig reizvoll. Der Tauchguide entschloss sich zu einem „Ausbruch“, legte sein Equipment ab und machte sich auf den langen Weg hin zum Boot, ohne Garantie jedoch, ob er das schaffen könnte.
Nach langem Warten kam tatsächlich Bewegung ins Boot und es nahm Kurs auf uns, gerade noch rechtzeitig vor dem Einbruch der Dunkelheit.
Was war geschehen? Die Mannschaft war von den Riten das Fastenmonats Ramadan so geschwächt, dass sie eingeschlafen war. Kleine Ursache mit großer Wirkung.
Unser Glück war der Umstand, dass die allgemeinen Bedingungen auf dem Meer sehr unspektakulär waren, es gab kaum Wellen und die Strömung baute sich langsam ab.
Aber erstaunlicherweise machte man sich auf der sonst sehr verantwortungsvoll geführten Basis keine großen Gedanken, wie solche Zwischenfälle in Zukunft vermieden werden könnten.
In den Jahren, die nach diesem Vorfall vergangen sind, hatte ich Gelegenheit bei vielen Basen zu tauchen ohne auch nur ansatzweise Lösungsversuche für eine vernünftige Vorsorge im Falle das Abtreibens vorgestellt zu bekommen. Rundum verließ und verlässt man sich heute auf die schon beschriebenen Signale, die nur auf relativ kurze Distanz, nicht zu hohen Wellen und überwiegend nur bei Tageslicht ihren Zweck erfüllen können. Mehr gab es nicht, konnte man sich auch nicht ausleihen. So gehen immer noch Unmengen von Tauchern ins Wasser, die sich sinnbildlich mit einem löchrigen Präservativ gegen Aids und Schwangerschaft gleichzeitig zu schützen versuchen. Darüber hinaus scheint man auf den Basen lieber in Kerzen zu investieren, die in einem abgelegenen Eck ein Heiligenbild beleuchten um den schwer kalkulierbaren Schutz von oben zu beschwören anstatt sich zu informieren, was mittlerweile am Markt angeboten wird und dieser Theorie folgend vielleicht ein Geschenk des Himmels sein könnte. Unter dem Motto „gewisser Schwund muss kalkuliert werden“ und rechtlich zumeist unzulässig formulierten Erklärungen, in denen der Tauchgast mittels Unterschrift die Basis von jedweder Schuld an einem Tauchunfall schon von vorneherein freispricht, soll das sauer verdiente Geld nicht auch noch in Geräte fließen, das für die nötige Sicherheit beim Betrieb einer Tauchbasis am Meer eigentlich vorauszusetzen ist.
Es vergeht kaum eine Woche, in der uns weltweit Nachrichten von abgetriebenen Tauchern erreichen. In etwa 30% der Fälle bleibt schließlich die Info über eine glückliche Rettung aus. Wenn man dabei noch berücksichtigt, dass die Meldungen meist erst dann an die Öffentlichkeit kommen, wenn Taucher schon mehrere Stunden vermisst und noch nicht gefunden wurden, dann sollte man doch langsam mal ins Grübeln kommen!
In die Deutschen Kinos kommt ein Fall, der sich in Australien zutrug, bei dem ein Ehepaar wegen schlampiger Kontrollen der nach einem Tauchgang wieder an Bord befindlicher Gäste zu Tode kam. Man hatte nicht bemerkt, dass das Paar noch im Wasser war und lief mit voller Kraft zurück zur Basis. Pfeifen, Hammerheads und Signalzigarren hätten auch hier versagt.
Solche Vorfälle gibt es übrigens öfter, als man glauben möchte.
Eine elfköpfige Gruppe, die Ende August im Roten Meer stundenlang im Wasser trieb konnte glücklicherweise durch den Einsatz von Suchschiffen und Hubschraubern lokalisiert und geborgen werden. Die Kosten der Suchaktion werden die Basis hart treffen und man kann dort nur von Glück reden, dass niemand zu Tode kam. Die Kosten hätte man aber sparen können, wäre das Tauchboot zum Beispiel mit einem der neuen Geräte des Herstellers ENOS ausgestattet gewesen. An Bord befindet sich dabei ein Empfänger für ein Peilsignal, das im Notfall von einem Sender, den ein Taucher der Gruppe mit sich führt, ausgesandt wird. Das Notsignal übermittelt den mit GPS ermittelten Standort und zeigt diesen auf einem Bildschirm an Bord des Tauchboots genau an. So wird das Boot auf den Meter genau an die abgetriebene Gruppe oder den abgetriebenen Taucher herangeführt. Nach einer Stunde wäre im schon erwähnten Fall die ganze Gruppe an Bord gewesen. Ohne Such- und Bergeaktion, deren Kosten und der Angst der Abgetriebenen!
Erstaunlicherweise hat sich bislang - obwohl von der Funktion und den Möglichkeiten von ENOS überzeugt – kein Basenbetreiber oder die Verantwortlichen von Safariflotten direkt mit der Beschaffung dieser Geräte näher befasst.
Die Tauchsportindustrie als möglicher Vertriebsweg hält sich ebenso vornehm interessiert zurück und verkennt dabei, dass es sich hierbei um eine wichtige und grundlegende Innovation handelt, vergleichbar etwa mit der Entwicklung der ersten Jackets oder Tauchcomputer.
Auch die Verbände reagieren zögerlich, ein bekanntes Problem, hier wird man neuen Dingen zumeist erst dann gewogen, wenn sie von außen, ob von der CMAS oder der Versicherungswirtschaft, verbindlich gefordert werden.
Zumindest die Versicherungswirtschaft, die Tauchsportler und / oder Basen und Safariboote versichert dürfte nun hellhörig werden, denn es steht nicht in deren Interesse mehr an Leistungen ausbezahlen zu müssen, als unbedingt nötig. Wann zum einen das Such- und Bergerisiko durch das ENOS – System deutlich verringert werden kann, zum anderen Personenschäden oder Todesfälle durch das schnelle Auffinden abgetriebener Taucher minimiert wird, dann sind das gute Gründe als Versicherer zwingend zu verlangen, dass Notfall – Ortungssysteme verpflichtend eingesetzt werden.
Abschließend stellt sich für mich aber noch die ganz einfache Frage, wieso noch keine einzige Basis schon allein aus Prestigegründen reagierte um den hohen Standard seines Unternehmens umsatzfördernd ins Marketing einzubinden. Wer Sicherheit bietet und mit dieser auch deutlich wirbt, der hat die Investitionen in das ENOS - System rasch wett gemacht.
Darüber sollten alle Betroffenen einmal nachdenken - nicht zu lange - und dann aber auch handeln!  

Offener Brief: Tauchsicherheit in Ägypten >>>

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